"Working process.."

Notizen zu einem Leben:

 

OTTO Der schreibt mit grüner Tinte, ist in der Stadt eine grosse Nummer. - Bei Schneetreiben, im blassroten VW-Käfer gelegentlich eines Auswärtspiels der blau-weissen Giesinger Mannschaft im ehrwürdigen alten Ronhof, danach zu OPA OTTO.

Er residiert, phantasiert, spricht mit geweiteten Augen, von grossen Aufträgen, gerade habe er mit Bonn gesprochen, gerade heute, lächelt, er liegt im Schlafanzug, unrasiert, aber dabei gütig lächelnd, .- kein Zweifel ein Ex-Schöner-Mann, nur die 

Er fasst sich am Arm, Handgelenk, eine goldene Uhr mit grossem  Zifferblatt, einer .. mit einem metallenen Band, er drückt sie mir in die Hand, die sei für mich, den Jungen von Renate. - 

 

 

Verdunkelter Lebensentwurf. Von der Tapferkeit: Weder Diego Rivera, noch Frida Kahlo. Eher der melancholische Blick zurück.

 

"Kannst du nicht aufpassen, wie kann man denn an dieser Stelle ins Stolpern geraten?" Straucheln, mit einem Bein etwas über den Boden schleifen, die Wildlederschuhe mit der Kreppsohle und die langen Beine, in diesen dunkelbeigen Kordhosen mit Schlag, darüber die geblümte Seidenbluse.  - Für den Sechsjährigen 

Vordergründig wird das Familienleben von Renate und Josef Hauzenberger und dem gemeinsamen Sohn in erster Linie überschattet durch Renates fortschreitende, in Schüben verlaufende Erkrankung. Im Grunde genommen ist es aber nicht der bis heute wenig vorhersehbare Krankheitsverlauf, sondern der wenig geübte, kaum angeleitete, im Resultat hilflose Umgang mit der rätselhaften Zäsur, was erst für die soziale Ausgrenzung und langfristig für eine Art "Verschwinden" beitragen wird.

Und dann noch dieses: Subkutan rettet sich letztlich eine auseinanderdriftende Kleinfamilie in die Verlängerung, als Quasi-Fortsetzungs- und Krankheitsgeschichte im Kontext einer .. Statt des Straßenbahnunfalls, mit der versehrenden Eisenstange in den, schliessen sich die Reihen für einen Moment, der kleine Streit verliert anb Fahrt, man nimmt es mit der nich unbekannten "Dampfwalze" auf.

Denn ein Apartement war bereits halb bezogen, weil der Übergriff, das Grobe und Unbeherrschte, reißausnehmen liess.., stante pede, egal, ob da ein Kind als Kitt, als Erpressungsfüllsel. - Weiss ich es genau? - Keineswegs, ich kenne nur das Retour-Schild, so als wäre nichts gewesen, aber da meldete sich das Leiden zurück, brach sich Bahn und lieferte unfreiwillig einen Vorwand, dass es mit einem dauerhaften dreierfamilien-Glück sein Bewenden haben würde. Die Treppe im Haus war plötzlich Hindernis.- Der Witz auf der Stiege, ein schnaufender Mitvierziger,..., wie oft wollte er das wiederholen? - 

Zunächst, nachdem es mehrere Monate bedurft hatte,  immerhin, es sind die damals ersten Adressen im Behandlungs- und Sanatoriumsbereich: Nach  diesen Aufenthalten in Spezialkliniken und Sanatorien, werden Famlilienbanden, althergebracht, bemüht bezieht Renate mit ihrer Mutter Wilhelmine (1914-2011)     - sie kann ihren geliebten Beruf in der Schule bald nicht mehr ausüben - eine moderne, behindertengerechte Wohnung in einem etwas sterilen Neubaugebiet. 

In der Beschaulichkeit einer Großbaustelle zwischen immerhin in Farben der 70ger Jahre entstehenden 4-stöckigen Wohnwaben, prallen dort Lebensentwürfe frontal und unversöhnlich aufeinander.- Ohne Mediation, bzw. auswärtige Hilfe scheitert das Wohngemeinschafts-Projekt schliesslich nach wenigen Monaten: Die an sich vorbelastetem schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, die einmal im beschaulichen Tiroler Idyll ihren Anfang nahm, kann dem Test unter erschwerten Bedingungen einer progessiven Erkrankung nicht gewachsen sein. - Aber wenige Monate lebt es sich dort. - Auch der tägliche Zwist, an anderer Stelle, Lebenselixier, weil es keiner Gleichgültigkeit, ... Die Mutter ist eine Wutbürgerin mit Schürze und einem losen "Mundwerkwaffe".- 

In erster Linie für Renate selbst, meine Mutter, markiert die anschliessende Unterbringung in einem Pflegeheim, 6o Kilometer östlich von München gelegen,  einen folgenschweren Einschnitt. - Neben der fortschreitenden, aggressiv verlaufenden Erkrankung kann sie die Unterbringung als nichts anderes als Abschiebung und Kapitulation der Familie empfunden haben. Ob mehr aus Hilflosigkeit, oder fehlender Flexibilität., Renate  erleidet auch durch die in diesen Jahren wenig familiengerechte Unterstützung einen sozialen Teil-Tod. 

Auch das unbestritten von Empathie und großer Einfühlsamkeit geprägte Engagement vieler Pflegekräfte, dort, am katholischen Ort, zögert den zunehmenden Verlust an Individualität und Eigenverantwortlichkeit nur hinaus. - Dabei geht es ohne Sinn und Verstand zu, ss bleibt eine Verwahranstalt mit menschlichem Antlitz, aber ohne Konzept. -

Und trotzdem richtet sie sich ein, lotet die bescheidenen Freiräume aus und verschreibt sich einem innneren Bildungs- und Entwicklungsprogramm, das in grossem Missverhältnis zu der sich verschlechternden körperlichen Verfassung steht.- Sie lernt französisch, auch um den von ihr verehrten französischsprachigen Künstler  wie Proust, Chopin, Sand, Brel  etwas näher zu kommen.-  Insgesamt könnte man vielleicht von einer musischen, umfassenden Verfeinerung der Sinne . In unseren Zeiten würde sie vermutlich eine Biographie schreiben. 

Aber das Schreiben mäandert, es sind graphische Linien der Tagesform 

 

 

sprechen, einer Transzendenz.- Eine Expansion nach Innen gerichtet, die sich mir, dem heranwachsenden, in  den letzten Jahren teilweise erschlossen hat. 

Zwischen der anfangs 34-jährigen Renate Hauzenberger und ihrer Familie kommt es in der Folgezeit nur noch zu allenfalls  wöchentlichen Begegnungen, Besuche, in deren Verlauf man sich zunehmend entfremdet.

Josef Hauzenberger, so viel sei gesagt, hatte sich zuvor vergebens um eine behindertengerechte  Atelierwohnung bemüht.- Schlussendlich kam ein Zusammenleben, bis auf wenige Besuche von Renate, nicht mehr zustande

Ob ein Zusammenleben der Familie überhaupt noch möglich gewesen wäre? Und was bedeutete das für das künstlerische Schaffen Josef Hauzenbergers?

Zu einem Zusammenwohnen kommt es aus mehreren Gründen nicht. - Renate und Josef waren schon in den ausgehenden 19-Sechziger Jahren von einander abgerückt.- Teilweise generationell verursacht, indem sich mit der politisch-kulturellen Aufwallung im Epochenjahr 1967/68 die Kluft zwischen der 26-jährigen und dem 41-Jährigen nicht verkleinert hatte. - Im Gegenteil.- Trotzdem wird man feststellen dürfen, dass Josef Hauzenberger gerade durch die Einbeziehung der Freunde und Bekanntenkreise, die zunächst  aus dem Schulbereich kamen und später über behandelnde Ärzte hinzukamen, Anschluss gefunden hatte in bildungsbürgerliche Kreise.

Das heisst. Meine Mutter nahm zwar an den geselligen Zusammenkünften in dem Wohnateilier, das Josef Hauzenberger als grossen Gastgeber zeigte, nicht mehr selbst dabei, aber firmierte, indem die Gäste mittel- oder unmittelbar auf sei zurück gingen, trotzdem als eine Art Initiatorin.

Zurück zu der landschaftlich schön gelegenen Verwahranstalt, der letzten Wohnadresse von Renate, aus deren Zeit Aquarelle und Zeichnungen  ein beredtes Zeugnis ablegen über den Verschleiß und körperlichen Niedergang.- 

Trotz der erschwerten Umstände und des zeitlich engen Korsetts gelingen intensive  Begegnungen zwischen Mutter und Sohn. - Anstelle eines geregelten Familienlebens mit der Bewältigung von Alltagsproblemen, sorgt die Mutter (unterstützt mit dem Wissen der ganzheitlich ausgebildeten Pädagogin) mit  einer besonderen Zuwendung dafür, dass dem heranwachsenden, unter den beschriebenen Bedingungen, dennoch sowohl ethische, humanistische als auch musische  inhalte nahegebracht werden.

Auch Josef Hauzenberger scheint  rezibrok zu den Bedingungen in diesen Jahren künstlerisch über sich hinaus zu wachsen. - 

P

 

 
       
       
       

 

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